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Die Scheinheiligen und die fromme Liebe zu Straßennamen

Die evangelische Kirche Bayerns zeigt zur Zeit, wes Geistes Richtung sie vertritt. Man erwägt dort, gegen die Umbenennung einer münchener Strasse zu klagen. Diese trug bislang den Namen des ehemaligen Landesbischof Hans Meiser. Niemand scheint zwar ernsthaft zu bestreiten, dass dieser ein waschechter Antisemit gewesen ist, doch habe der gute Mann schließlich auch Verdienste, und ein Nazi sei er schließlich auch keiner gewesen. Man kritisiert dahingehend, dass da erst einmal ganz andere Straßennamen weg müssten. Dem münchener Stadtrat warf man daher Willkürlichkeit vor.

Hier eine Kostprobe:

"Die theologisch konservative Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern appellierte an die Kirchenleitung, ihre Ankündigung wahrzumachen und gegen eine Umbenennung zu klagen oder auch ein Bürgerbegehren ins Auge zu fassen. „Der Stadtrat hat willkürlich entschieden“, sagte der Vorsitzende, Andreas Späth (Sachsen bei Ansbach), gegenüber idea. Wenn Straßennamen geändert werden müssten, dann stünde der Karl-Marx-Ring ganz oben auf der Liste. Die Reaktion des Münchener Oberbürgermeisters Christian Ude (SPD) auf die angekündigte Klage bezeichnete Späth als befremdlich. Der Politiker hatte das Vorgehen der Landeskirche „extrem unglücklich“ genannt. Sie verteidige den Straßennamen, weil sie selbst betroffen sei, und schweige zu den historischen Verfehlungen Meisers. Dazu erklärte Späth, dass die Zeiten vorbei seien, in denen eine Obrigkeit selbstherrlich Anordnungen treffen könne. In einem Rechtsstaat hätten alle Bürger das Recht, Entscheidungen juristisch überprüfen zu lassen. Wie die Kirchliche Sammlung würde auch die Lebendige Gemeinde München eine gerichtliche Überprüfung des Stadtratbeschlusses begrüßen. Nach Angaben des Vorsitzenden, Pfarrer Dieter Kuller, haben mehr als 500 Bürger beim Oberbürgermeister schriftlich gegen eine Umbenennung der Meiserstraße protestiert."

 

Man mag schon ernsthaft die Frage stellen, ob der münchener Stadtrat hier zweierlei Maß anwendet. Die Frage als solche muss erlaubt sein, ob man dann nicht auch "Richard Wagner" manche Ehren aberkennen müsste. Sicher ist es auch ein wichtiger Punkt, dass man Entscheidungen, die man als willkürlich empfindet, notfalls auch gerichtlich überprüfen lassen kann. Nur sind all diese Aspekte eben nicht relevant, denn:

Die evangelische Kirche sucht anders als ihr Meister die Ehre von Menschen. Und wehe, man greift einen ihrer "Heiligen" an.

Die evangelische Kirche realisiert nicht, wie unangemessen es ist, in einer solchen Situation mit den Finger auf andere zu zeigen und eine Kleinkindhaltung einzunehmen, nach dem Motto "erstmal sollen alle anderen d'ran glauben. Er geht nicht um Richard Wagner und Karl Marx, sondern es geht um einen ehemaligen Kirchenfürst, der in jeder Hinsicht Vorbild sein sollte, der aber antisemitsche Sprüche vom Stapel ließ und sich (so der Stand bis jetzt) sich nie von diesen distanzierte.
Der fromme Club aus Bayern sollte daher froh sein, dass der münchener Stadtrat ein wenig Nachhilfe erteilt und evtl. dazu anregt, sich vom Antisemitismus eines Kirchenfürsten in den eigenen Reihen deutlich zu distanzieren. Zu argumentieren, der Mann habe auch seine guten Seiten gehabt, ist zwar kein Zeichen für heutigen Antisemitismus, aber auf der anderen Seite ein deutlicher Beweis, dass man in bayrisch-wertkonservativen Christenclubs, die Tatsache, dass jemand Antisemit war, noch gerne unter der Kategorie "ferner liefen" abhandeln will.
Anstatt wirklich jede Gelegenheit am Schopf zu packen, um sich deutlich von antisemtischen Glaubenssümpfen loszustrampeln, ist man eher geneigt, sich im Sinne von "Sammlung um Bibel und Bekenntnis" auf die bayrische Schulter zu klopfen.

Einmal mehr wird deutlich, worum es den Volkskirchen geht, nämlich nur um ihren eigenen Stall. Als vor noch gar nicht so langer Zeit, der vatikanische Nuntius bei Feierlichkeiten in Yad Vashem nicht erscheinen wollte, weil er wider alle Fakten meinte, dort tue man einem Amtsvorgänger Ratzingers großes Unrecht , wurde auch dort klar, was für die katholische Kirche wichtiger ist, nämlich die Ehre eines ihrer verstorbenen Führer. Was sind da schon 6 Millionen Juden? Und fühlt sich das fromme Gemüt gekränkt, wird erst einmal eine Welle gemacht.

Und das Herausfordende: Sie meinen es wirklich ernst und wollen ernstgenommen werden, sonst...

...sind sie beleidigt oder bockig und rebellieren, indem sie jetzt lt epd ein Meiser-Täfelchen ans Landeskirchenamt montieren wollen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1 Kommentar 19.7.07 23:10, kommentieren